Kameraarbeiten
Spurensuche im Trinkwasser

Abenteuer Wissen – Spurensuche im Trinkwasser

Dokumentation
30 Min.
ZDF
2007

Team

Buch und Regie: Melanie Jost
Tanja Hübner
Kamera: Erik Sick
Ton: Peter Trinks
Ute Haverkämper
Schnitt: Dave Leins
Produktionsleitung: Uli Veith
Produktion: Taglicht Media
Produzent: Bernd Wilting
Auftraggeber: ZDF
Redaktion: Ute Kleineidam
Stefanie Weinsheimer

Dreharbeiten:
Mai-Juni 2007 in Deutschland

Sendetermin:
"Abenteuer Wissen – Spurensuche im Trinkwasser"
20.06.2007 um 22.15 Uhr, ZDF

Unsichtbares Giftmülldepot

Im Erdreich von Feldern, in Flüssen und in Kläranlagen ist die gefährliche Industriechemikalie PFT entdeckt worden. Das Gift, das von einem Dünger stammt, wird über Fluss- und Bachläufe weiter transportiert. Das Krebs erzeugende PFT ist über Jahre ins Grundwasser gesickert. Die heimtückische Substanz, die man im Wasser weder sieht noch riecht, ist eine Gefahr für Menschen und Tiere. Die Polizei ermittelt in einem ungeheuren Umweltverbrechen.  Um die Krebs erregenden Stoffe aus dem Wasser zu entfernen, werden moderne Verfahren und neu entwickelten Methoden eingesetzt. Aktivkohle ist ein Mittel, das Trinkwasser von Chemikalien reinigen kann.

Zunächst hat niemand die Auswirkungen des Umweltskandals bemerkt. Kristallklar plätschert der kleine Bach Steinbecke durch die Felder und den Briloner Wald. Das Bachwasser versorgt auch drei Fischbecken mit frischem Wasser. Die 500 Forellen der Teichanlage sehen gut aus, doch der Schein trügt: Sie sind alle ungenießbar. Reinhard Knaden, Forellenzüchter: "Die Fische sind durch die PFT Chemikalie verseucht und völlig wertlos."

Die hochgiftige, synthetisch hergestellte Chemikalie ist biologisch nicht abbaubar. Der Stoff ist fett- und wasserabweisend. Wegen dieser besonderen Eigenschaften werden die perfluorierten Tenside für die Beschichtung von Teflonpfannen, Herstellung wasserdichter Textilien, in der Reinigungsmittelindustrie oder in der Papierindustrie für schmutz-, fett- und wasserabweisende Papiere eingesetzt. Die krebserregende Chemikalie ist für Mensch und Tier toxisch. Im Körper wird PFT nur sehr langsam abgebaut und lagert sich im Blut und im Organgewebe ab.

Die Umweltbehörden haben in den Forellen 60mal höhere PFT-Werte gefunden als erlaubt. Seit 40 Jahren züchtet Reinhard Knaden Forellen. Nun bleibt ihm keine andere Wahl: Er muss alle Tiere schlachten und als Sondermüll entsorgen. Wenn PFT über Nahrung oder Flüssigkeit in den Körper gelangt, lagert es sich in den Körperzellen ein Leben lang an. Der Forellenzüchter vermutet, dass das Gift über den Bach in seine Fischteiche gelangt ist.

Die Spur des Giftes führt zu den angrenzenden Maisfeldern. Die Pflanzen auf dem Acker sind völlig verdorrt. Auch sie sind hoch belastet. Ermittlungen und Analysen bringen eine erschreckende Wahrheit ans Licht. Die Erde der Felder ist mit 400 Kilogramm PFT verseucht: das Resultat einer kriminellen Entsorgung von Altlasten.

Die Ermittler der Behörden haben die Schuldigen bald gefunden. Über Jahre hatte eine Industriefirma heimlich Klärschlamm mit PFT unter Dünger gemischt, der auf landwirtschaftlich genutzte Felder verteilt wurde. Inzwischen sind allein in Nordrhein- Westfalen zwölf kontaminierte Felder entdeckt worden. Das Ausmaß der Umweltkatastrophe ist riesig. Der mit Klärschlamm verseuchte Dünger wurde bundesweit ausgeliefert. Seit Jahren sickert das Umweltgift PFT völlig unbemerkt ins Grundwasser. Auch in anderen Bundesländer wurde inzwischen PFT nachgewiesen. Um das verseuchte Gelände zu reinigen, müsste das ganze Erdreich metertief abgetragen und entsorgt werden. Solch eine aufwändige Methode kommt nicht in Frage. Mittlerweile wird das Regenwasser des Bodens aufgefangen, bevor es den Bach erreicht. Drainagerohre leiten den versickernden Regen in ein Sammelbecken am Fuß eines Hügels. Das Wasser läuft durch Aktivkohle, die das PFT herausfiltern. Das Verfahren ist extrem langwierig und kostet viel Geld. Experten schätzen, dass die Sanierung fünf Jahre dauert und etwa 2,5 Millionen Euro verschlingen wird.

Alarm im Wasserwerk

Unser Trinkwasser gehört zu den saubersten und am besten kontrollierten Lebensmitteln der Welt. Im Sommer 2006 geht bei den Wasserwerken Westfalen eine Warnung ein: erhöhte Konzentrationen von PFT (perfluorierte Tenside). Forscher weisen in Talsperren und der Ruhr, einem Nebenfluss des Rheins, den krebserregenden Stoff PFT nach. Illegal verklappter Dünger hat das Erdreich verseucht und Regenwasser schwemmt es in die Flüsse. Solche Verunreinigungen stellen die Wasserwerker vor große Herausforderungen. Die lokalen Wasserwerke stehen vor großen Problemen, die sofort gelöst werden müssen. In Notfällen wie diesen werden die Brunnen notfalls vorübergehend geschlossen, manchmal für Monate.

Bevor unser Trinkwasser ins öffentliche Leitungsnetz geht, wird es aufwändig gefiltert und aufbereitet. Die Vorschriften der Trinkwasserverordnung sind streng. Die Qualität des Wassers wird ständig überwacht. Täglich werden an verschiedenen Messpunkten Proben genommen und auf eine Vielzahl von Inhaltsstoffen überprüft. Das Wasserwerk arbeitet dabei eng mit den Gesundheitsämtern der Städte zusammen.

Die Kontrollinstrumente laufen rund um die Uhr. Weder Phosphate, Pestizide noch Nitrate entgehen den Messungen. Ständig suchen die Wasserexperten nach Spuren von 55 verschiedenen gefährlichen Substanzen. So sieht es die Trinkwasserverordnung vor. Darüber hinaus lassen sie zur Sicherheit noch weitere 50 Werte untersuchen. Die Schreckensmeldung von PFT im Wasser kam völlig überraschend.   "Wir untersuchen weit über Umfang dessen, was die Trinkwasserverordnung fordert, zum Beispiel speziell auf Stoffe, wie sie hier in der Region vorkommen können", sagt Ingo Becker von Wasserwerke Westfalen: "Nur sind wir nicht gegen kriminelles Handeln gewappnet, wie es in dem Fall von PFT passiert ist. Da sind wir auf Informationen von außen angewiesen."

Schnelles Handeln ist erforderlich. Proben werden zur Analyse des PFT-Wertes ins Labor geschickt. Das Ergebnis: 200 Nanogramm pro Liter, ein viel zu hoher Wert. Sofort verdünnen die Techniker das Wasser mit unbelasteten Ressourcen und der Zufluss aus der verseuchten Möhne wird gestoppt. Nur Wasser aus unbelasteten und überprüften Talsperren darf nun in die Ruhr fließen.

Bei Verschmutzungen reicht es meist, das verschmutzte Wasser in Becken zu leiten, es zu filtern und über Kaskaden zu führen. Sauerstoff regt die Bakterien an, organische Fremdstoffe zu vernichten. Danach versickert es durch säubernde Bodenschichten. Doch das alles hilft bei PFT-verseuchtem Wasser nicht. Es muss anders behandelt werden.

Aktivkohle reinigt Wasser und Luft von organischen Schadstoffen. Sie wurde schon gegen viele andere Chemikalien eingesetzt und bindet auch PFT. Die Experten mischen die Aktivkohle unter das PFT verseuchte Ruhrwasser und lassen es in große Sandbecken ab. Eine Handvoll Kohle genügt, um die Fläche eines Fußballfeldes zu reinigen.

Die Kohle absorbiert das PFT wie ein Schwamm. Das gereinigte Wasser versickert, zurück bleibt auf der Aktivkohle ein PFT-Teppich. Nachteil dieser Methode sind die kontaminierten Rückstände. Die verseuchte Aktivkohle muss anschließend sorgfältig abgeschält und in einer aufwändigen Sandwäsche recycelt werden. Zurück bleibt eine giftige Schlammbrühe: Sondermüll, der entsorgt werden muss. "Das Problem dabei ist, dass unsere Wasserwerke immer mehr zum Reparaturbetrieb werden, was wir nicht wollen", sagt Ingo Becker: "Besser wäre es, man bringt diese Stoffe, die wir mit größtem Aufwand heraus zu holen haben, gar nicht erst in den Wasserkreislauf ein." Die Experten der Wasserwerke suchen immer weiter nach neuen, noch besseren Technologien, um künftig auch gegen weitere, unbekannte Schadstoffe gewappnet zu sein.

Gefährliche Keime im Abwasser

Im Krankenhaus wird großer Wert auf Sterilität, Desinfektion und Hygiene gelegt. Patienten bekommen Medikamente gegen die verschiedensten Krankheiten, die dann mit Urin oder Stuhl ins Abwasser gelangen können. Arzneimittelreste, Desinfektionsmittel, Röntgenkontrastmittel und gefährliche Keime geraten auch auf diese Weise in die Kanalisation. Wie sensibel diese Praxis gehandhabt werden muss, zeigt der Fall eines Lassa-Patienten im Uniklinikum Münster.

Im Sommer 2006 wird ein Fluggast aus Sierra Leone direkt vom Frankfurter Flughafen ins Klinikum Münster gebracht. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Der Mann kommt auf die Intensivstation. Dort wird der Patient vorsorglich isoliert, die Hygiene- und Schutzmaßnahmen erhöht, damit sich die hoch ansteckenden Keime nicht ausbreiten können. Die Diagnose lautet Lassa-Fieber.

Es besteht höchste Ansteckungsgefahr für anderen Patienten, das Personal und die Bevölkerung. Das Lassa-Fieber zählt zu den lebensbedrohlichen, hochinfektiösen hämorrhagischen Krankheiten, die durch Viren ausgelöst werden. "Patienten mit Lassa können im Krankenhaus über ihre Körperflüssigkeiten wie Urin, Blut oder Speichel Lassa-Viren übertragen, auch über die Luft auf der Intensivstation", erklärt Dr. Alexander Friedrich, Hygieniker, Uniklinikum Münster: "Deswegen sind maximale Schutzmaßnahmen für das Personal im Krankenhaus notwendig."

Nur in spezieller Schutzkleidung nähert sich das Personal dem Patienten, die Station wird zum Hochsicherheitstrakt. Da mit dem Urin des Mannes die Lassa-Viren über das Klinikabwasser in die Kanalisation gelangen könnten, werden alle Körperausscheidungen aufgefangen, in Spezialbehältern versiegelt und nach einer späteren Desinfektion im Raum entsorgt. Der Umgang mit dem Urin des Kranken erfordert höchste Vorsicht. Das bloße Berühren des Katheterbehälters hat die oberen Schutzhandschuhe bereits kontaminiert. Auch sie werden als Sondermüll entsorgt. Das Krankenzimmer wird später mit Formaldehyd desinfiziert.

Eine solche extreme Vorsicht sind nur im Extremfall bei sehr schweren Infektionskrankheiten üblich. Bei Patienten anderer Stationen gelangen Ausscheidungen in die Kanalisation, ohne dass besondere Maßnahmen getroffen werden. Deshalb ist im Klinikabwasser die Konzentration von Medikamentenrückständen und Krankheitserregern besonders hoch. Zusätzlich wird im Krankenhaus gezielt Desinfektionsmittel eingesetzt, um Krankheitserreger oder Bakterien abzutöten und Infektionen zu verhindern.

Desinfektionsmittel und Medikamentenrückstände wie Antibiotika im Abwasser vernichten auch nützliche Bakterien, die für die biologische Reinigung des Wassers wichtig sind. Immer mehr harmlose Bakterien entwickeln zudem Resistenzen gegen zahlreiche Antibiotika. Auf diese Weise steigt das Risiko, dass auch gefährliche Keime widerstandsfähig und resistent werden, und sich weltweit vermehren.

Dr. Wolfgang Kohnen von der Uniklinik Mainz ist den Verbreitungswegen gefährlicher Krankheitskeime auf der Spur. Er untersucht eine Probe aus dem Kanalschacht. Hier landen die Ausscheidungen vieler Kranker, auch die Rückstände der Medikamente, die sie eingenommen haben und über den Urin ausscheiden.

Im Labor wird die Abwasserprobe analysiert. Dr. Kohnen und seine Mitarbeiter haben eine ganz bestimmte Art von Keimen im Visier: so genannte multiresistente Keime. Das sind Keime, die gegen viele Arten von Antibiotika resistent, geworden sind. Das schränkt langfristig die Behandlung von Patienten stark ein, weil für eine Therapie immer weniger Mittel zur Verfügung stehen.

Über Kanalisation und Kläranlagen gelangt das gereinigte Wasser wieder in unsere Flüsse und Seen. Wie sich die resistenten Keime ausbreiten, ist noch nicht erwiesen. Immerhin wurden sogar Resistenz-Gene im Trinkwasser nachgewiesen, aber nicht die dazugehörigen Krankheitserreger. Das heißt, zur Zeit ist noch keine Gefahr, es zeigt aber, was uns in Zukunft erwarten wird", erklärt Dr. Wolfgang Kohnen. Resistente Keime müssen unter Kontrolle bleiben, damit sie nicht ins Trinkwasser gelangen. In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Forschungszentrum Karlsruhe sind nun erste Experimente angelaufen. Sie sollen die Krankheitskeime an der Quelle stoppen: im Klinikabwasser. Dazu wurde eine spezielle Pilotanlage auf dem Klinikumgelände entwickelt, dass das Klinikabwasser ansaugt. Nun werden die Keime im Abwasser mit elektrischen Ladungen beschossen, um sie zu zerstören. Erste Werte zeigen Erfolge, ein Großteil der Keime lässt sich so zerstören. Doch das ist erst der Anfang und das Verfahren noch lange nicht Standard. Die Überwachung und Reinigung von Klinikabwässern müsste dringend erfolgen.

(Pressetexte ZDF)

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